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Billy Berge - Kolb Beiträge

Ich gehe streiken!

Aus aktuellem Anlass mal wieder ein Blogbeitrag von mir. Schon in der Überschrift könnt Ihr das Thema lesen – und gleichzeitig auch ein offenes Bekenntnis, das mir unter Umständen richtige Schwierigkeiten bringen könnte. Warum? Lest Euch rein!

Seit dem 05. März bin ich jetzt in meinem Prüfungspraktikum und arbeite in einem Hort (für alle Lesenden aus den anderen Bundesländern; der Hort ist eine Kindertageseinrichtung für Grundschulkinder, welche sich der Betreuung, Erziehung und Bildung von ihnen während der schulfreien Zeit annimmt). Nach diesem Praktikum habe ich meine Ausbildung voraussichtlich erfolgreich abgeschlossen und darf mich, nach der feierlichen Zeugnisübergabe, als „staatlich anerkannter Erzieher“ bezeichnen. Wurde ja auch mal Zeit nach fünf Jahren Ausbildung (zwei davon entfielen auf den „staatlich anerkannten Sozialassistenten“, der als eine mögliche Zugangsvoraussetzung zur Ausbildung zum*zur Erzieher*in gilt). Für mein Prüfungspraktikum, das gerade für meine Praxisnote sehr entscheidend ist, habe ich mich für eine Einrichtung entschieden, bei der ich bereits mein erstes Praktikum in der Erzieherausbildung erfolgreich abgeschlossen hatte.

Das Team ist offen und ehrlich, ich habe schnell erneut Anschluss gefunden und die Kinder sind herzlich und nehmen mich so an, wie ich bin. Kurz gesagt; ich könnte für meine praktische Prüfung nicht besser gewappnet sein. Am Dienstag diese Woche hatte ich zudem meine erste Hospitation, in der mir meine Klassenlehrerin bereits einmal über die Schulter schaute. Ihr Eindruck von meinem pädagogischen Handeln und der fachtheoretischen Erklärung im nachfolgenden Fachgespräch war sehr gut, was mich natürlich in meiner Berufswahl erneut bestärkte.

Soviel erstmal zur allgemeinen Ausgangslage.
Natürlich habe ich aktuell, wie auch schon in meinem ersten Praktikum in diesem Hort, das besondere „Glück“, dass die Gewerkschaften und die Arbeitgebenden sich derzeit in Tarifverhandlungen des öffentlichen Dienstes befinden, bei denen die Gewerkschaften (grob gesagt) mehr Gehalt und bessere Arbeitsbedingungen für alle Beschäftigten fordern. Da die Arbeitgebenden die Forderungen der Gewerkschaften erneut ohne (akzeptablen) Gegenvorschlag ablehnten, rufen diese nun zu Streiks auf. Euch ist bestimmt schon aufgefallen, dass bundesweit Flüge und Bahnen ausfielen, sowie an einigen orten bereits Erzieher*innen für einen Tag ihre Arbeit niederlegten. Auch in Dresden und Freital rief der Sächsische Erzieherverband (SEV), dessen Spitzengewerkschaft der Deutsche Beamtenbund (dbb) ist, bereits gestern zu einem Warnstreik auf. Dem schließen sich nun die größeren Gewerkschaften Ver.di und die Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (GEW), welcher ich selbst angehöre, an. Beide Gewerkschaften gehören zum Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB).

So sind also für Dresden, Freital und Leipzig am Freitag ganztägige Warnstreiks angekündigt, was mich in eine ziemlich schwierige Lage bringt. Für Erzieher*innen ist die Frage der Teilnahme vor jedem Streik eine Gewissens- und Geldfrage. Gewerkschaftsmitglieder bekommen für den Tag ein sogenanntes „Streikgeld“ von ihrer Gewerkschft erstattet, sodass ihre Arbeitsniederlegung keine Einbüße im Gehalt bewirkt. Erzieher*innen, welche jedoch nicht in einer Gewerkschaft organisiert sind, werden weder von ihren Arbeitgebern für diesen Tag bezahlt, noch bekommen sie das „Streikgeld“ der Gewerkschaften.
Soweit so logisch. Doch, wie ist es jetzt mit mir? Ich bin ja (noch) kein Erzieher und bezahlt werde ich für meine Arbeit als Praktikant sowieso nicht (auch wenn ich quasi fertig ausgebildet bin). Darf ich also überhaupt mitstreiken?

Mit der Frage habe ich mich schon 2016 beschäftigt, was mich letztlich auch davon überzeugt hat, der GEWerkschaft (Achtung Wortwitz! – Ich weiß, der war sehr einfallslos.) beizutreten. Ich habe mich also bereits 2016 erkundigt, ob ich als Praktikant, dessen Praktikum im Rahmen einer Berufsausbildung stattfindet, ’streikberechtigt‘ bin.
Der erste logische Schritt war ja, mich bei meiner Klassenlehrerin zu erkundigen – also fragte ich sie nach der Positionierung der Schule. Sie antwortete mir, dass sich die Schule nach der Praktikumseinrichtung richtet. Bestätigt sie mir meinen Wunsch nach der Teilnahme, geht das für die Schule ebenso klar.
Also fragte ich die Einrichtungsleitung (wir Duzen uns ja alle, also war das ein ziemlich offenes und herzliches Gespräch). Sie verwies mich an die Bestimmungen des Eigenbetriebes Kindertageseinrichtungen Dresden (im Volksmund auch die „Stadt“ genannt, da der Eigenbetrieb alle öffentlichen Kindertageseinrichtungen in Dresden abdeckt).
Demnach schaute ich in die Bestimmungen, welche mir das Mitstreiken untersag(t)en, wenn ich unter die sogenannte „Praktikantenrichtlinie der Vereinigung kommunaler Arbeitgeber (VKA)“ falle. In dieser stand – und steht:

„1. Geltungsbereich

(1) Diese Richtlinien gelten für Praktikantinnen und Praktikanten,

a) die ein Praktikum von bis zu drei Monaten

(…)

b) die ein Pflichtpraktikum auf Grund einer schulrechtlichen Bestimmung, einer Ausbildungsordnung, einer hochschulrechtlichen Bestimmung oder im Rahmen einer Ausbildung an einer gesetzlich geregelten Berufsakademie leisten.“

Da mein Praktikum ein zu absolvierender Pflichtteil meiner Ausbildung ist, falle ich somit unter 1. (1) b) und darf, laut der VKA, nicht mitstreiken. Darauf stieß ich, wie bereits erwähnt, schon 2016 und fragte mich, was ich denn nun tun solle. Mir blieben die Wahlmöglichkeiten, in einer anderen, geöffneten, Einrichtung zu arbeiten, mich krankzuschreiben oder verdeckt mitzustreiken. Nun, ich denke, ich brauche Euch nicht zu erklären, dass ich natürlich verdeckt mitgestreikt habe. (WAS – DAS HAT ER JETZT NICHT GEMACHT?! – Doch.) Und ich verheimliche ebenso nicht, dass ich meine Kolleg*innen auch diesen Freitag wieder unterstützen werde. Mein Vorteil: Ich bin (Achtung, es passiert wieder) GEWerkschaftsmitglied. Sollte ich auffliegen, sichert mir meine Gewerkschaft Rechtsschutz zu. Wie das aussieht? Das kann mir vermutlich auch da niemand genau sagen.

Aber warum setze ich mich freiwillig diesem Risiko aus?
Dafür gibt es mehrere Gründe:

1. Die oben zitierte Richtlinie wurde von den Menschen geschrieben, wegen denen gestreikt wird – nämlich von den Arbeitgebern. Mit dieser Richtlinie wird versucht, Praktikant*innen einzuschüchtern, um von ihrem Grundrecht auf Arbeitskampf abzusehen. Dazu noch ein Zitat aus dem Grundgesetz (GG), unseren höchsten Rechten:

GG Art. 9 (Vereinigungs- und Koalitionsfreiheit)

„(3) Das Recht, zur Wahrnehmung und Förderung der Arbeits- und Wirtschaftsbedingungen Vereinigungen zu bilden, ist für jedermann und für alle Berufe gewährleistet. Anderen, die dieses Recht einschränken oder zu behindern suchen, sind nichtig, hierauf gerichtete Maßnahmen sind rechtswidrig. (…)“

(Funfact: nach dem Art. 3 Abs. 3 GG ist also die VKA-Richtlinie rechtswidrig und nichtig.)

2. Ich unterstütze meine Kolleg*innen selbstverständlich aus ethischen und moralischen Gründen in ihrem Kampf um bessere Arbeitsbedingungen. Denn alle Erfolge, die bereits jetzt erzielt werden, werden auch mir als künftigen Arbeitnehmer zugute kommen.

3. Ich habe Urteile des Bundesarbeitsgerichtes, die in Gerichtsverhandlungen meine Position bereits untermauerten, auf meiner Seite. Hierzu folgendes:

„selbst dann, … könnte die Teilnahme des Klägers an diesem Warnstreik eine Lösung des Ausbildungsverhältnisses nicht rechtfertigen.“

Kurz gesagt: Es darf, rein rechtlich gesehen, keine negative Konsequenzen für meine Ausbildung geben.

„Zu Arbeiten als Streikbrecher dürfen die Auszubildenden ohnehin nicht herangezogen werden. Schließlich kann der Arbeitgeber nicht erwarten, dass sich die Auszubildenden bei kurzen Warnstreiks gegenüber den Arbeitnehmern des Betriebes unsolidarisch verhalten.“

Zusammengefasst: Ich darf nicht als „Ersatz“ in meiner oder einer anderen Einrichtung eingesetzt werden, wenn ich dem ausdrücklich widerspreche.

„Im vorliegenden Fall haben sich die Auszubildenden nur an kurzen, befristeten Warnstreiks der gewerblichen Arbeitnehmer beteiligt. Die Teilnahme an solchen Arbeitskämpfen kann den Ausbildungszweck nicht gefährden.“

Anders gesagt: Solange meine Ausbildung nicht gefährdet wird, darf ich mitstreiken. (Ich würde es sogar als Gewinn für meine Ausbildung bezeichnen, da ich mich erst durch den damaligen Streik mit den Gewerkschaften ernsthaft auseinandergesetzt habe – im Unterricht wurden die Gewerkschaften noch nicht einmal erwähnt.)

Alle Zitate stammen von Gerichtsurteilen des (Bundes-)Arbeitsgerichtes. Das erste stammt vom Arbeitsgericht Stuttgart vom 12.11.1979 (AP Nr. 68). Das zweite und das dritte vom Bundesarbeitsgericht vom 12.09.1984 (AP Nr. 81).

Ich werde also am Freitag mitstreiken und für meine zukünftigen, sowie die aktuellen Rechte meiner Kolleg*innen einstehen.


Zwei ergänzende Beiträge habe ich noch:

  1. Liebe Erzieher*innen, die bei freien Trägern arbeiten: Die meisten freien Träger orientieren sich bei dem Gehalt an dem Tarifvertrag des öffentlichen Dienstes (TVöD). Genau über den wird verhandelt und genau dafür wird gestreikt. Steigen die Gehälter im TVöD, steigen also auch Eure Gehälter. Überlegt Euch also bitte gut, ob und warum Ihr es ablehnt zu streiken.
  2. Liebe Eltern/-teile: Wir alle verstehen Euren Frust. Uns blutet ebenso jedes Mal das Herz, wenn wir Euch mitteilen müssen, dass wir Eure Kleinen höchstwahrscheinlich nicht betreuen können. Streiks in sozialen und pflegerischen Berufen treffen leider immer die Falschen. Unseren Arbeitgebenden ist es egal, ob wir Eure Kinder an dem Tag betreuen oder nicht. Umso wichtiger ist es, dass ihr Euren Frust nicht in sozialen Netzwerken oder uns gegenüber auslasst, sondern gegenüber unseren Arbeitgebenden (also dem Eigenbetrieb Kindertagesstätten Dresden). Setzt Euch mit uns in Verbindung, sprecht uns an – wir können uns gern partnerschaftlich ein geeignetes Ventil überlegen!

Übrigens habe ich 2016 bei meinen Nachforschungen auch den Mitteldeutschen Rundfunk (MDR) angefragt, welcher daraufhin eine Folge von „Hörer machen Programm“ dafür verwendete. Da fiel das Fazit jedoch nicht so eindeutig aus. Gern hätte ich Euch einen Link zur Verfügung gestellt, jedoch lässt sich der Beitrag nicht mehr finden.

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Meine Meinung. #btw17

Eine Woche ist es nun her, dass der 19. Deutsche Bundestag von den Bürger*innen dieses Landes gewählt wurde. Das war eine Woche Zeit, sich die Ergebnisse durch den Kopf gehen zu lassen und – für politisch Aktive – wieder in den Alltag zu finden. Der Wahlkampf ist vorbei, die Stimmen sind ausgezählt und alle Ergebnisse veröffentlicht. Zeit, sich wieder dem pollitischen Alltag zu widmen.
Doch bevor ich mit dem Alltagsgeschäft wieder beginne, möchte ich Euch meine Eindrücke und meine persönlichen Schlussfolgerungen aus der Bundestagswahl mitteilen.

Starten wir zunächst mit der Bestandaufnahme:

 

 

 

 

 

 

Die Union erlebte mit 32,9% eine herbe Niederlage und kassierte das zweitschlechteste Wahlergebnis seit 1949 (und das Schlechteste seit 1953) ein. Auch die SPD bekommt mit 20,5% ihr Fett weg. Das ist ihr schlechtestes Ergebnis seit 1949. Die Linke ist mit 9,2% im 19. Bundestag vertreten und gewann leicht an Stimmen hinzu. Auch wir Grünen sind mit 8,9% sicher im Bundestag. Der FDP gelang gleich zweistellig, mit 10,7%, der Wiedereinzug in den Bundestag und die AfD erreichte nach den knappen Ergebnissen von 2013 (4,7%) letzte Woche Sonntag mit 12,6% ein zweistelliges Ergebnis.
Erfreulich ist die erhöhte Wahlbeteiligung von 76,2%. (Werte, wie es sie bei jeder Wahl geben sollte.)

Welche Koalitionen sind nach diesem Wahlergebnis möglich?

Denkbar wäre die Fortsetzung der sogenannten Großen Koalition von Union und SPD. Diese regierte unter Kanzlerin Merkel bereits seit 2013 und von 2005 bis 2009. Doch diese Option ist sowohl in der Bevölkerung, als auch in der SPD reichlich unbeliebt und so erteilten ihr die Sozialdemokrat*innen bereits am Wahlabend eine Absage.Da alle Parteien eine Koalition mit der AfD ausschließen und diese sich auf ihre Oppositionsrolle besinnt, gibt es derzeit nur eine weitere denkbare Koalition: Die sogenannte Jamaikakoalition, ein Bündnis aus Union, FDP und Grünen.

Die Tagesschau hat dazu einen „Koalitionsrechner“ veröffentlicht. Mit diesem seht Ihr, welches Bündnis die Mehrheit von mindestens 355 Sitzen (siehe Sitzverteilung/Koalitionsrechner) benötigt.

Was bedeutet das für uns Grüne?

In den letzten Tagen wurde vor allem in sozialen Netzwerken wie Facebook, Twitter oder anderen Foren intensiv über eine grüne Regierungsbeteiligung diskutiert. Herauszuhören war vor allem der Ärger vieler Mitglieder über die SPD, die sich in der Koalitionsbildung zunächst ganz herausnahm. Es ist nachvollziehbar, dass sich einige grüne Mitglieder über die Entscheidung der SPD nicht freuen, da dies unsere noch mehr Partei dazu verpflichtet, ernsthafte Gespräche mit Vertreter*innen von Union und FDP zu führen.

Bereits vor der Wahl zeichnete sich in Umfragen ein Ergebnis ab, das wahlweise Schwarz-Gelb oder eine Jamaikaregierung durchblicken ließ. Das liegt allerdings nicht an einer Manipulation der Umfragen oder einer „Lenkung der Bevölkerung“, wie es einige nennen. Es liegt schlicht daran, dass weder Aufbruchsstimmung in der Bevölkerung herrscht, noch große Sympathien für die SPD. So war es schon vor der Bundestagswahl offensichtlich, dass sich vor allem FDP und Grüne an einem Tisch setzen müssen um Gemeinsamkeiten auszuloten.

Wie stehe ich dazu?

Viele, die mich kennen und sich in den letzten Wochen mit mir unterhalten haben, wissen um meine Meinung zu einem Jamaikabündnis.
Ich sehe es als Chance für alle drei Parteien ideologische Gräben zu überwinden und Gemeinsamkeiten festzustellen.

Mir ist bewusst, auch wenn ich es teilweise nicht selbst miterlebte, dass in allen drei Parteien Vorbehalte gegenüber den jeweils anderen bestehen. Viele in der Union sehen in uns Grünen nach wie vor die „Besserwisser und Bevormunder“ – genauso auch viele in der FDP. Diese fürchtet sich vor allem vor der Ächtung der Bevölkerung über eine vorschnelle Regierungsbeteiligung und vor der Union, welche sich von 2009 bis 2013 an ihr „abarbeitete“ und sie in die außerparlamentarische Opposition drängte. Ebenso lassen sich viele Vorbehalte bei uns Grünen gegenüber Union und FDP finden. Der „Marktradikalismus“ oder die „Aufwertung von Rechtspopulist*innen“ sind nur zwei von vielen Beispielen.

Doch werden wir der Zukunft gerecht, wenn wir uns in Gräben verstecken, die in der Vergangenheit gegraben wurden? Oder sie gar noch tiefer graben? Ich bezweifle es.

Es bleibt an uns Grünen, den anderen Parteien und der Bevölkerung zu zeigen, dass wir fit dafür sind, eine Regierung zu bilden. Und nach 12 Jahren Opposition im Bundestag sind unsere MdB’s darauf vorbereitet, die erarbeiteten Konzepte zusammen mit anderen Regierungsparteien anzugehen.

Ich bin, genauso wie der Länderrat von uns Grünen gestern, dafür, mit Union und FDP Gespräche aufzunehmen und eine mögliche Koalition auszuhandeln. Dass wir dabei unser Programm nicht zu 100% umsetzen können (übrigens genauso wie Union und FDP), sollte jedem*jeder Demokrat*in dabei auch bewusst sein.


Noch ein letztes Wort zu den Ergebnissen und Kommentaren aus Sachsen.

Vielen von Euch dürfte aufgefallen sein, dass die AfD in Sachsen die meistgewählteste Partei war und, dass sie der CDU 3 Direktmandate abnahm. Ich habe daraufhin – wieder einmal – viele Kommentare gegenüber dem „Osten“ oder Sachsen im Besonderen gehört bzw. gelesen. Und genauso viele in die andere Himmelsrichtung. Ich bin ehrlich erschüttert, dass aufgrund der Wahlergebnisse das Land wieder einmal in seiner Denkweise in Ost und West gespalten wird. Die Wiedervereinigung ist 28 Jahre her. Ich habe sie nicht miterlebt, genauso wenig wie das geteilte Deutschland.

Wir haben ein strukturelles politisches und gesellschaftliches Problem in den ehemaligen DDR-Bundesländern. Dieses Problem lässt sich allerdings nicht durch Hashtags (#sucksn, #säxit) lösen, sondern durch ein ernsthaftes und beherztes Entgegenkommen. Statt solche Kommentare zu feiern, gilt es also, diesen entschieden gegenzusprechen und zu aller erst ein Verständnis für die hier herrschenden Zustände, Meinungen und das Gedankengut zu erzeugen. Der zweite logische Schritt wäre es, Handlungsweisen einzuläuten, die demokratische Kräfte fördern und die Bevölkerung vor Populismus und Extremismus schützen. Im dritten Schritt müssen die strukturellen Ungleichheiten, die es bedauerlicherweise auch 28 Jahre nach der Wende noch gibt, abgeschafft werden. Nur so gelingt auch die gedankliche Einigung von Ost und West.

Wir brauchen weder Internetpostings, noch Ministerpräsident*innen, die demokratische Parteien oder Initiativen in undemokratische Gefilde schieben wollen. Um es mit den Worten eines ehemaligen CDU Vorstandsmitgliedes in Dresden zu sagen:

„Das darf einfach nicht wahr sein. #Tillich: mein Grund jetzt aus der sächsischen CDU auszutreten. #CDU #Sachsen“

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Mein Rückblick auf die #bdk16

Letztes Wochenende, genauer gesagt vom 11. bis zum 13. November 2016, fand die vorletzte Bundesdelegiertenkonferenz von Bündnis ‘90/Die Grünen vor der Bundestagswahl 2017 statt. Sie war in Münster unter dem Motto „wir bleiben unbequem“. Es ging hauptsächlich darum, inhaltliche Weichen für die Bundestagswahl 2017 zu stellen, indem ein neues Steuerkonzept beschlossen wurde. Neben der überschattenden Diskussion zu einem geeigneten Steuerkonzept, wurden ebenfalls Anträge zur Sozial-, Europa-, Religions- und Klimapolitik, sowie zu weiteren Themenfeldern, beschlossen.

Folgt einfach diesem Link für eine komplette Übersicht über die beschlossenen Anträge: https://www.gruene.de/ueber-uns/beschluesse-der-bundesdelegiertenkonferenz.html

Es waren Vertreter mehrerer Sender und Zeitschriften vor Ort, wie der ARD (inklusive extra 3), dem ZDF (ja, auch der heute show) und dem MDR. Für viele der anwesenden Reporter*innen ging es hauptsächlich darum, die Stimmung innerhalb der Partei aufzugreifen und wieder zu geben. Das ist nicht grundsätzlich verwerflich, jedoch alleinstehend inhaltlich ziemlich dünn. Nach der Bundesdelegiertenkonferenz wurde fast im Einklang getitelt: „Linksrutsch bei den Grünen – Vorbereitung auf Rot-Rot-Grün 2017?“

Auch ich war an diesem Wochenende in Münster; an dieser Stelle einen riesigen Dank an Franziska Schubert und Jens Bitzka. Hier möchte ich meine Sicht der #bdk16 widergeben, da meiner Meinung nach viele Reporter*innen diesen Parteitag und seine Beschlüsse falsch verstanden haben.
Ich finde nicht, dass die Partei am Wochenende einen „Linksrutsch“ durchlebte. Mal abgesehen von dem Beschluss zum Ehegattensplitting, welches dank der Delegierten im Falle einer Regierungsbildung lediglich auf Neuehen angewendet werden wird, haben die Mitglieder am Wochenende ein Steuerkonzept gewählt, das das Wort „Vermögenssteuer“ zwar enthält, sie aber nicht genau definiert.

„Dabei soll für Paare, die nach einer Reform heiraten oder sich verpartnern, das neue Recht gelten.
Für Paare, die bereits verheiratet oder verpartnert sind, bleibt das alte Recht mit Ehegattensplitting
bestehen.“ Beschluss „Wir investieren in Gerechtigkeit“ der Bundesdelegiertenkonferenz vom 12.11.2016

Der gewählte Antrag war einer von fünf Alternativen und kam vom Bundesvorstand, der mit einer Arbeitsgruppe seit der letzten Bundestagswahl an einem realistischen und umsetzbaren Steuerkonzept arbeitete. Er gilt allgemein hin als Kompromissvorschlag für Realos und Fundis.
In diesem Antrag steht die Formulierung „Vermögenssteuer für Superreiche“ offen beschrieben, jedoch sagt sie nicht aus, wie diese genau umgesetzt werden soll. Auch wird nicht erwähnt, wie hoch sie sein soll und ab wann ein Mensch als „superreich“ gilt.
Einige der vier Alternativen wären eine radikale Vermögensbesteuerung der Grünen Jugend oder die einfache Erbschaftssteuer von Anja Hajduk u.a. gewesen. Schon im Meinungsbild wurde deutlich, dass eine klare Vermögenssteuer, wie sie im Antrag der Grünen Jugend gefordert wurde, von den Delegierten des Parteitages abgelehnt wurde. Anja Hajduks Vorschlag einer direkten Erbschaftssteuer hingegen kam in die engere Auswahl. Auch wenn ihr Antrag nicht gewählt wurde, so findet sich die Erbschaftssteuer im gewählten Antrag ebenso wieder.

„Wenn das Verfassungsgericht die Verfassungswidrigkeit
feststellt, werden wir ein neues Konzept einer Erbschaftssteuer entwickeln müssen,
das einfach und gerecht ist und keine Zweifel an der Verfassungskonformität lässt.“ Beschluss „Wir investieren in Gerechtigkeit“ der Bundesdelegiertenkonferenz vom 12.11.2016

Dieser Parteitag war geprägt von einem Versuch der Versöhnung zwischen den Flügeln. Ob das durch den gewählten Antrag gelingt, bleibt allerdings abzuwarten.

iiTrotz der kleinen Erfolge (wie der angeblichen Vermögenssteuer oder der Abschaffung der Hartz IV-Sanktionen), konnten sich die Fundis unter uns Grünen meines Erachtens an diesem Wochenende nicht durchsetzen. Die realpolitischen Erfolge indes versprachen eine Änderung der grünen Partei hin zur politischen Mitte und die Öffnung vieler Delegierte auch für unangenehme Gespräche, wie dem mit Herrn Zetsche. Zu Herrn Zetsche: Im Vorfeld des Bundesparteitages deutete sich, aufgrund eines massiven Widerstandes gegen den Auftritt, eine Ausladung Zetsches an, welche vom Bundesvorstand jedoch ausgeschlagen wurde. Der Fortschritt der Automobilindustrie hin zur Elektromobilität kann durch niemanden besser begleitet werden als durch eine grüne Partei, welche diesen selbstbewusst mitgestaltet. Darum war es folgerichtig, Zetsche auf der #bdk16 reden zu lassen und anschließend mit ihm in die Diskussion zu kommen.

Bereits bei der Einleitung Zetsches traf unser Bundesvorsitzender Cem Özdemir den Nagel auf den Kopf: Wir wollen uns nicht von Angst leiten lassen! Weder von der Angst vor einer nationalistischen Bewegung, noch von der Angst vor der Automobilindustrie. Dafür erntete Cem tosenden Applaus und eine spontane Standing Ovation, bei der auch ich stand. Als Herr Zetsche schließlich redete, hörten ihm die Delegierten aufmerksam und ruhig zu und gönnten ihm auch mehrere Zwischenapplause – als würde ein normales Parteimitglied seine oder ihre dreiminütige Redezeit nutzen. Gewiss, seine Rede war geschönt und besonders auf uns ökologische Grüne abgestimmt, dennoch waren seine Worte sehr klug gewählt und seine Äußerungen weit neutraler und weltoffener als manche*r Redner*in davor.

Alles in allem bin ich zufrieden mit der #bdk16. Ich habe alte Bekanntschaften getroffen, nette Gespräche gehabt und neue Menschen kennengelernt.

Hier übrigens noch die aufgezeichnete Einleitung von Cem und die Rede von Herrn Zetsche, die ich nur empfehlen kann: https://www.youtube.com/watch?v=Cy1b4EaQC_4

 

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Warum ich noch zur Schule gehe.

„Du gehst noch zur Schule?“

Die Frage höre ich bei fast jeder neuen Bekanntschaft, die ich schließe. Die Möglichkeiten des Studiums und der dualen Ausbildung haben viele Menschen in Deutschland die schulische Ausbildung anscheinend vergessen lassen. Dennoch ist sie nach wie vor ein wichtiger Bestandteil der deutschen Bildungslandschaft.

Die schulische Ausbildung ist eigentlich nichts anderes als eine normale Schule. Die Strukturen sind teilweise komplett identisch. Wir Berufsschüler*innen sind beispielsweise in Klassen aufgeteilt und werden in 90-Minutigen Unterrichtsstunden von Lehrer*innen ganz klassisch unterrichtet. Der einzige Unterschied zu einer allgemeinbildenden Schule, neben unserem Alter, ist, dass wir zwischen dem Unterricht mehrwöchige oder mehrmonatige (unbezahlte) Praktika haben. Je nach Berufsschule fallen zudem monatliche Ausbildungskosten (Schulgeld) an.
Typische Berufsfelder, die eine schulische Ausbildung nutzen, sind die Erziehung, die Alten- und Krankenpflege, der IT¹ Bereich und Dolmetscher*innen.

Die duale Ausildung wird hauptsächlich im Handwerk, im Handel, in der Industrie und Landwirtschaft, im öffentlichen Dienst und bei medizinischen Berufen (welche keinem Studium bedürfen) angewandt. Sie wird auch betriebliche Ausbildung genannt. Sie vereint Theorie und Praxis wie kaum eine andere Berufsbildung, da sie feste Zeiträume für Schule und Ausbildungsbetrieb vorsieht und das theoretische Wissen so direkt angewendet werden kann. Meistens verdienen Auszubildende in einer betrieblichen Ausbildung zudem Geld.
Übrigens: Auch die Erzieher*innenausbildung kann in Form einer berufsbegleitenden Ausbildung absolviert werden.

Das Studium ist in Deutschland gerade sehr angesagt und wird von vielen Menschen als Voraussetzung gesehen, später im Beruf mal aufzusteigen. Jedoch sind schon die Zugangsvoraussetzungen für ein Studium eine Hürde für viele Deutsche. Ein künftiger Student benötigt ein möglichst sehr gutes Abitur. Ein Studium an einer Universität oder einer Fachhochschule ist bestens zum Aneignen eines riesigen Wissensschatzes geeignet, aber weniger für den direkten Praxisbezug. Es kann allerdings auch dual oder ausbildungsintegriert sein.

Warum bin ich aber in einer schulischen und nicht in einer dualen Ausbildung?
Das ist einfach erklärt, gilt aber in meinem Fall explizit nur für Sachsen – Bildungsförderalismus und so.

Jedenfalls ist es in Sachsen so, dass ich, um meine Erzieherausbildung anzufangen, nach meinem Realschulabschluss erstmal eine zweijährige, schulische Sozialassistentenausbildung machen musste. Das hängt hauptsächlich mit dem Mindestalter 18 für Erzieher*innen zusammen, hilft einem aber auch im späteren Leben unheimlich.
Ich hatte danach die Wahl, eine berufsbegleitende Ausbildung (die vier Jahre dauert) oder eine weitere schulische Ausbildung (die drei Jahre dauert) zu beginnen.
Da ich die Schule bisher ohne große physische oder psyschiche Schäden überstanden habe, entschied ich mich für die kürzere, schulische Variante. Das hat natürlich den Nachteil, immer wieder sagen zu müssen, dass ich noch zur (Berufs-)Schule gehe.

Für alle, die sich weiter über die verschiedenen Berufs- bzw. Zukunftsperspektiven informieren wollen, empfehle ich die Publikation des Bundesministeriums für Bildung und Forschung: Publikation „Ausbildung oder Studium?“

https://www.bmbf.de/intern/system/previews/t/ti/tit/Titelbild_Ausbildung_oder_Studium_5007c1af8462ff6f74661f1fec7a6cb2_thumb_0_180x249x80.jpg

 

 

 

 

 

¹ IT = Informationstechnick

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Jugend Gegen AIDS (JGA)

„Do what you want. Do it with love, respect and condoms.“

Das ist der Slogan von Jugend Gegen AIDS. Die, aus einer hamburgischen Schülervertretung entstandene, Jugendorganisation kämpft für eine aufgeklärte Gesellschaft von Morgen; dabei legt die JGA enorm viel Wert auf eine vorurteilsfreie Kommunikation auf Augenhöhe.

Die Schirmherrschaft hat übrigens Frank Walter Steinmeier übernommen – unser derzeitiger Bundesaußenminister.
Dem Beirat gehören zudem mehrere Abgeordnete aus verschiedenen Parlamenten, wie Persönlichkeiten aus Forschung, Medien und gemeinnützigen Verbänden an.


Das größte Standbein von JGA ist das Aufklärungsprojekt „Positive Schule“.
Das Projekt ist so aufgebaut, dass ausgebildete Peer Educator* im Namen der Jugend Gegen AIDS an eine Schule gehen und dieser einen Workshop über sexuelle Aufklärung anbieten. Dieser Workshop umfasst zweimal 90 Minuten und eine größeren Pause dazwischen und richtet sich an die 7. bis 10. Klasse.

http://jga-blog.de/wp-content/uploads/2014/11/Pos_Schule_Logo.png
Quelle: http://jga-blog.de/wp-content/uploads/2014/11/Pos_Schule_Logo.png

Die ersten 90 Minuten handeln über die Themen Geschlechtsidentität und Sexualität, wo Grundsatzfragen über Geschlechtsidentitäten (Cisgender, Transsgender, Intersexualität, …) und die eigene Sexualität (Hetero-, Homo-, Bi-, Transsexualität, …)  geklärt werden.
Der zweite Workshopteil dreht sich um Pornografie, Sexuell übertragbare Krankheiten (STI/STD) und Verhütung.
An diesem Aufklärungsprojekt dürfen jedoch nur ausgebildete JGA-Mitglieder (genannt „Peer Educator“ oder „Peers“) teilnehmen, um auch wirklich Qualität in den Workshops garantieren zu können. Auch ich habe an der zweitägigen Fortbildung in Berlin teilgenommen.

Aber auch auf Festivals und Veranstaltungen ist die JGA vertreten. Gute Beispiele hierfür sind das alljährige Wacken Open Air Heavy Metal Festival- oder sämtliche Christopher Street Day-Veranstaltungen vor Ort. Mit dabei sind immer auf das jeweilige Festival zugeschnittene Kondome, welche immer wieder für gute Laune sorgen.
Das Erstaunliche: Auf jedem Festival ist die JGA ein immer gern gesehener Partner, ob CSD oder Wacken.

Die Arbeit in und mit der Jugend Gegen AIDS ist eine sehr erfüllende und dankbare Arbeit. Es ist unglaublich, wie jung und wie motiviert die Peers und alle anderen Mitglieder von JGA sind. Da fühle selbst ich mich mit meinen gerade mal 19 Jahren schon alt. Dennoch ist es ein großartiges Gefühl zu so einer engagierten und bunten Gemeinschaft dazuzugehören.

Was haltet Ihr von JGA? Kennt Ihr den Verein schon oder waren sie schonmal an Eurer Schule?
Lasst es mich wissen.

Ihr seid neugierig geworden?
Hier geht’s zur Webseite: http://www.jugend-gegen-aids.de/

* Peer Educator = Speziell geschulte Jugendliche, welche Gleichaltrigen Inhalte vermitteln.

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